Drei Dinge, die ich von Ravi Zacharias gelernt habe

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Sam Allberry, Referent bei RZIM und Autor
Aus dem Englischen übertragen von Heike Breitenstein

In meinem Büro gibt es dieses 20 Jahre alte, zerknitterte Blatt Papier, das ich sorgfältig abgeheftet habe. Zerknittert ist es, weil es das Einzige war, das ich zur Hand hatte, als mir klar wurde, dass ich dringend etwas zum Schreiben brauche. Sorgfältig abgeheftet ist es, weil jeder Zentimeter Papier mit Notizen vom ersten Vortrag, den ich von Ravi Zacharias gehört habe, beschrieben ist.

Ravi hatte Anfang der 2000er Jahre bei einer evangelistischen Woche für Studierende an der Universität Oxford Vorträge gehalten. Ich hatte zuvor zwar über andere von ihm gehört, ihn aber nie selbst referieren hören. Nun wollte ich mir gerne selbst ein Bild machen. Sein Vortragsstil war so, wie ich Ravi später immer wieder erlebte: scharfsinnig, prägnant, absolut fesselnd.

Doch es war besonders die ausführliche Rückfragerunde nach dem Vortrag, die mich aufhorchen ließ. Ravi wurden Fragen zu allem gestellt – von Sexualethik bis zur Quantenphysik. Was sich mir einprägte, war nicht so sehr die Tatsache, dass er auf alle Fragen eine Antwort wusste, auch wenn das an sich schon keine Kleinigkeit ist. Es war vielmehr der Ton, in dem er sprach. Ravi beantwortete seit Jahrzehnten Fragen überall auf der Welt, aber keine seiner Antworten wirkte standardisiert. Jede fühlte sich frisch, persönlich und respektvoll an. Also holte ich aus meiner Tasche das einzige Blatt Papier, das ich bei mir hatte – die Tagesordnung einer Sitzung, von der ich gerade gekommen war – und wie wild habe ich alles vollgeschrieben: die Ränder, den Platz zwischen den Zeilen des Dokuments. Meine Schrift wurde dabei immer kleiner, um möglichst viel auf das Papier zu bekommen.

Vor vier Jahren habe ich begonnen als Referent für Ravi Zacharias International Ministries zu arbeiten. Ich hatte viele Gelegenheiten Ravi vor und hinter den Kulissen in Aktion zu beobachten. Wir sind mittlerweile ein großes, weltweites Team von beinahe 100 Referentinnen und Referenten aus unterschiedlichsten Regionen der Welt, aber Ravi hat im Team den Ton und die Kultur des Miteinanders geprägt.

Drei Dinge sind es, die ich in der Zusammenarbeit mit Ravi gelernt habe.

1. Die Person ist wichtiger als die Frage

Ich habe mich nie als Evangelist gefühlt. Jedes Bild, das mir in den Sinn kommt, wenn ich das Wort höre, beschreibt etwas, das ich nicht bin: gesellig, extrovertiert und überaus selbstbewusst. Aber Ravi war besonders deshalb ein so wirksamer Evangelist, weil er seelsorglich mit Menschen umging, die seinen christlichen Glauben nicht teilten. Sein Augenmerk lag auf der Person, ungeachtet von ihrer Frage oder ihrem Auftreten. Wenn er von Reisen zurückkam und dem Team davon berichtete, hat er immer einzelne Personen erwähnt, für die wir beten sollten, gerade solche, die tiefe Wunden und Verletzungen mit sich herumtrugen. „Gib der Person eine Antwort und beantworte nicht bloß ihre Frage“, hat er oft gesagt. Wenn jemand mit einer Frage an das Mikrofon trat, sah er nicht eine Herausforderung, die man bewältigen, oder eine Debatte, die man gewinnen muss. Er sah eine Person, die Zuwendung braucht. Ob die Frage auf brillante Art und Weise beantwortet wurde, war nie das Hauptaugenmerk. Worauf es wirklich ankam, war der Person zu antworten, nicht nur ihre Frage zu be-antworten.

2. Der Ton ist so wichtig wie der Inhalt

Es ist leicht, Apologetik auf eine Art Beweisführung zu reduzieren. Ich habe Christen erlebt, die scheinbar der Ansicht sind, für das Evangelium einzustehen würde bedeuten, auf jeden einzutreten, der irgendeinen kritischen Einwand gegen den christlichen Glauben äußert. Es ist dann allzu wahrscheinlich, dass man zwar vielleicht die Debatte gewinnt, dabei jedoch die Person völlig verliert – als ob die gute Nachricht durch eine Reihe von Debattensiege verbreitet werden würde!

Die Bibel zeigt uns etwas anderes. Wenn uns Petrus dazu auffordert, bereit zu sein, jedem Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die in uns ist, liegt das Augenmerk auch auf der Haltung, nicht auf unseren Worten allein: „Ehrt vielmehr Christus, den Herrn, indem ihr ihm von ganzem Herzen vertraut. Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt. Aber tut es freundlich und mit dem gebotenen Respekt, immer darauf bedacht, ein gutes Gewissen zu haben.“ (1Petrus 3,15 f, NGÜ)
Dieser Bibeltext war grundlegend für Ravi und durch ihn für das ganze Team. Der Ton macht den Unterschied. Ein wahres Wort, das lieblos gesagt wird, wird nicht als gute Nachricht empfunden werden. Durch die Art und Weise, wie wir predigen, können wir das Gegenteil von dem bewirken, was unsere Worten sagen wollen.

Die Worte von Petrus beinhalten nicht den Vorbehalt: „Es sei denn, sie sind wie Idioten, in dem Fall kannst du sie runtermachen.“ Viele Male haben z.B. Studierende im universitären Kontext in etwas schnippischem Ton Fragen gestellt. Aber Ravi war es immer wichtig, ihnen freundlich und respektvoll zu antworten. Sie haben ihn möglicherweise geringschätzend behandelt, aber seine Reaktion war stets beides: würdevoll und wertschätzend. Er hat andere nicht herabgesetzt oder gedemütigt.

3. Das Kreuz ist Zentrum der Botschaft

Ravis Berufung war immer die eines Evangelisten. Seine Arbeit als Apologet stand im Dienst dieser Berufung. Die Wendung, die wir oft gehört haben, lautet: „Evangelisation unterstützt durch Apologetik“. Apologetik war nie ein Ziel in sich selbst, als ob es hauptsächlich darauf ankäme zu zeigen, dass unsere Denkweise und unser Glaube anderen überlegen sei. Die Verortung von Apologetik lag darin, im Dienst der werbenden Verkündigung des Evangeliums zu stehen.

Ravis Botschaft war nicht so sehr die intellektuelle Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens (auch wenn er wahrscheinlich mehr als jeder andere in seiner Generation dazu beigetragen hat); es war der gekreuzigte Christus. Wenn Paulus sagt: „Ich hatte mir vorgenommen, eure Aufmerksamkeit einzig und allein auf Jesus Christus zu lenken – auf Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2, NGÜ), meinte er damit nicht, dass er ausschließlich über das Kreuz geredet hat. Vielmehr wollte er darauf hinaus, dass das Kreuz der Herzschlag von allem war, was er verkündigte. Ravis Ziel war es nicht, die Oberflächlichkeit etwa des säkularen Denkens aufzuzeigen, sein Ziel war es, Jesus vorzustellen. Er hat kein Argument gepredigt, sondern Argumente benutzt, um eine Person vorzustellen.

Ravi ist jetzt bei Jesus, den er so geliebt und den er verkündigt hat. Er war kein perfekter Mensch (und er war immer der erste, der das betonte), aber er kannte jemanden, der dies war und er hat alles getan, ihn Menschen anzubefehlen.