Gott sieht dich

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(Artikel | 5 min)

Nach dem Abitur habe ich ein Jahr in Peru gelebt. Ich habe Spanisch gelernt, Salsa getanzt, Meerschweinchen und Kaktusfrucht gegessen, Piranhas am Amazonas geangelt und mich selten in meinem Leben so geliebt gefühlt. Und ich habe Familien besucht, die in Papphütten wohnen. Ich hatte Freunde, die nie eine Chance auf eine Ausbildung haben werden. Ich habe mit Frauen geweint, deren Kinder vom selben Familienmitglied vergewaltigt wurden wie sie selbst.

Als ich zurück nach Deutschland fuhr, habe ich viel mitgenommen: Freundschaften, Geschenke, Erinnerungen, eine Limettenpresse. Und eine Frage: Warum? Warum ist diese Welt, wie sie nicht sein sollte? Warum diese schreiende Ungerechtigkeit und das klagende Leiden? Warum, Gott? Wo bist du in all dem?

In meiner Familie war Denken immer wichtig. Fragen unbedingt angebracht. Als ich als Jugendliche anfing, Jesus zu folgen, war meine brennendste Frage: Wie passen Wissenschat und Glaube zusammen? Für mich war klar: Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann muss er allen Anfragen standhalten. Dann darf ich fragen und zweifeln. Natürlich, die Sache mit Gott geht über meinen Verstand hinaus. Wenn es anders wäre, hätte ich, ehrlich gesagt, den dringenden Verdacht, dass Menschen ihn erfunden hätten. Aber er darf auch nicht hinter meinem Verstand zurückbleiben.

Wenn mir damals jemand das Gefühl gegeben hätte: „Um in unserem Christen-Club dabei zu sein, musst du dein Hirn an der Garderobe abgeben!“, wäre ich schnell weg gewesen. Zum Glück gab es Leute, die sich mit mir auf die Suche machten.

Und nun also die große Suche nach dem Warum.

Ich fing an Theologie zu studieren, las Kirchenväter, Philosophen, Theologen. Und entdeckte einen risikobereiten Gott, der Menschen schuf, nicht Marionetten. Mit echter Würde und echter Verantwortung. Weil echte Liebe nicht zwingt, sondern frei lässt. Freiheit war mir schon immer ein hohes Gut. Das scheint Gott genauso zu gehen. Also riskiert er, dass Menschen Nein zu ihm sagen und lässt sie gehen. Aber wenn er der Gute schlechthin ist, die Quelle alles Guten, dann ist jeder Schritt weg von ihm ein Schritt ins Nichts, zum Verdrehten, Ungerechten. So frisst sich das Böse in die Welt, breitet sich aus wie ein Virus in meinem Computer.

Und trotzdem: Was ist das für eine Liebe, die einem Vergewaltiger freie Hand lässt? Warum, Gott? Wo bist du?

Ich begegnete Menschen, die erzählten, wie schwierige Zeiten ihnen halfen, ihr Leben zu überdenken. Neue Schritte zu gehen. Etwas Wichtiges zu lernen. Und ja, die Menschen, die mich am meisten beeindrucken, die mit der größten Tiefe und der ansteckendsten Freude, mit denen ich gerne stundenlang vorm Kamin sitze, lache, weine und rede, das sind die, die Tiefe erlebt haben. Deren Leben geprüft wurde. Und trotzdem: Wie soll ein Straßenkind in Lima daran wachsen, dass es nirgendwo hingehört? Die meisten von ihnen wachsen nicht lange. Sie sterben viel zu früh. Warum, Gott? Wo bist du?

Irgendwann fragte ich: Bist du überhaupt da? Zeigt nicht das Leid der Welt, dass dich das alles einen feuchten Dreck kümmert? Oder dass da gar niemand ist, den es kümmern könnte? Gleichzeitig merkte ich: Wenn ich die Welt ohne Gott denke, meinen Glauben aufgebe und die ganze Sache vergesse, ist das, was bleibt, ziemlich schwach. Atheismus bietet keine Antwort auf das Warum. Wen sollte ich fragen? Und warum frage ich überhaupt? Er bietet keine Kraft zu trösten. Da ist ja niemand. Und keine Hoffnung auf einen Tag, an dem Ungerechtigkeit aufgedeckt und Not verändert wird. Das schien mir freudlos, fantasielos, leer.

Und dann traf ich den heruntergekommenen Gott. Oder besser: Er traf mich. Ich erinnerte mich an einen Abend, damals, mitten in Lima. An einen Ort voller Marktstände, Müll, Verkehr, Gestank, Gewalt. Und Kinder. Kinder, die alle paar Minuten einen Beutel Kleber aus dem Ärmel zogen, daran schnüffelten und für die nächsten Sekunden in einer anderen Welt waren.

Da war ein kleines Mädchen, vier, vielleicht fünf. Ziemlich zerzaust sah sie aus und irgendwie verloren. Wir begannen Fangen zu spielen und weil es mit meiner Kondition ziemlich bald vorbei war, stellte ich mich auf den Gehweg, breitete die Arme aus und wartete. Das kleine Mädchen kam ein Stück näher. Und rannte wieder weg. Und immer wieder ein Stück näher – und wieder weg.

Mitten zwischen all dem Müll und den Menschen stand ich bestimmt zwanzig Minuten lang mit offenen Armen da. Wahrscheinlich hielten mich alle für völlig bekloppt. Das war mir egal – mir war das Mädchen wichtig. Irgendwann traute sie sich dann doch, sprang auf meinen Arm und wollte den ganzen Abend nicht wieder runter. Plötzlich wurde mir klar: Wir sind das kleine Mädchen. Ich begriff diese ganze Geschichte von Gott, der Mensch wird, obdachlos, ein Flüchtling, mit der Armut gut vertraut. Ich begriff: Der macht das, weil der feuchte Dreck und der Staub und das Dunkle der Welt ihn kümmern. Er stellt sich mitten in unseren Müll, den Gestank und die Gewalt. Breitet die Arme aus und wartet auf uns, die vom Leben Zerzausten. Nicht nur zwanzig Minuten, sondern, wenn nötig, unser ganzes Leben lang. Es interessiert ihn nicht, dass er sich zum Deppen macht. Weil er sich so für uns interessiert. Darum hält er aus, wird verraten, verkauft, gefoltert. Er breitet die Arme aus. Und zerbricht am Leid, an der Wut und am Kummer der Welt.

Gott, wo bist du im Leid? Mittendrin. Im Zentrum der Not. Er hat sie bis auf den Grund durchwandert.

Kurz darauf traf mich eine andere Frage. Mitten in einer Vorlesung zu Hiob, dem schmerzgeprüften Mann des Alten Testaments, sagte der Professor, dass er sich manchmal frage: Warum? Warum, Mensch? Warum lässt du all die schreiende Ungerechtigkeit und die klagende Not zu? Wie kannst du so bequem leben auf Kosten anderer? Warum ist deine Wut so leise und setzt dich so wenig in Bewegung? Da wurde in mir ein Traum wach und ein Gebet laut, das mich nicht mehr losließ.

Dreizehn Jahre später bin ich wieder in Peru. Einiges hat sich verändert. Manche Familien wohnen heute in Steinhäusern. Es gibt jetzt für viele fließendes Wasser. Durch den Staub führen leuchtend gelbe Treppen. Aber die Jugendlichen haben immer noch keine Ausbildung. Bis heute leben Kinder auf der Straße. Und Gott steht immer noch mit ausgebreiteten Armen im Müll und wartet. Tagelang diskutiere, bete und träume ich mit einer Freundin, einer peruanischen Sozialarbeiterin, einer, die Armut kennt. Und den heruntergekommenen Gott. Eine mutige Frau, die mir Mut macht.

Als ich dieses Mal zurück nach Deutschland fahre, nehme ich einen Projektplan mit. Wir wollen Jugendliche begleiten und ihnen helfen, eine Ausbildung zu machen. Wir nennen das Projekt „Dios te ve“ – Gott sieht dich. Er sieht dich mitten im Schmerz der Welt. Und wie durch ein Wunder treffe ich Leute, die dabei sein wollen. Die mitmachen, großzügig sind, Zeit schenken, organisieren und planen. Weil sie bewegt sind von Gott und seiner Welt. All das wäre nichts als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn da nicht dieser Gott wäre. Der Gott, der herunterkommt in den Schmerz der Welt und daran zerbricht. Der Gott, dessen Leben stärker ist als aller Zerbruch, der selbst am dunkelsten Ort die Hoffnung ist. Der Gott, der uns einlädt und ermutigt, Teil seiner Geschichte mit der Welt zu werden. Und der am Ende alles neu machen wird

 

 

Artikel:

Julia Garschagen, Gott sieht dich, in: Daniel Schneider (Hg.), 21 Menschen – 21 Momentaufnahmen – 21 Möglichkeiten zu glauben.
© 2019 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, S. 137-142.