Jugendliche mit ihren Fragen zum Glauben begleiten

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(Artikel | 5 min )

Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann ist jede Frage eine gute Frage

Jugendliche mit ihren Fragen zum Glauben begleiten

Jugendliche haben Fragen. Viele Fragen – das liebe ich so an ihnen. Und so verschieden die Jugendlichen, so verschieden auch ihre Fragen: Warum lässt Gott meine Freundin an Krebs erkranken? Ist die Bibel nicht Quatsch, wenn da steht, dass Gott die Erde in sieben Tagen gemacht hat? Warum schickt Gott Menschen in die Hölle, wenn er sie doch alle liebt? Wie kann ich Gott erleben? Wie können Christen so arrogant sein zu sagen, sie hätten die Wahrheit? Wie funktioniert Beten und was, wenn das alles nur ausgedacht ist?

Ich begegne diesen Fragen überall: im Jugendkreisen in Ostfriesland, bei Jesushouse in Wuppertal, beim Zähneputzen während einer Freizeit. Manchmal wäre es einfacher zu sagen: „Das musst du halt einfach glauben!“ Aber dann denke ich an eine Freundin, heute erfolgreich in den Medien, die zu mir sagt: „Ich war früher auch in der Kirche. Aber mit 13 bin ich weg, weil ich immer das Gefühl hatte: Ich darf da nicht denken! Ich krieg eine Gehirnwäsche.“ Oder an den strahlenden Schüler, der nach einer Jesushouse-Veranstaltung vor mir stand: „Hier habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ich alle meine Fragen stellen durfte. Das tat total gut!“

Oder ich denke an mich selbst, die ich aus einem eher glaubensskeptischen Umfeld komme. Meine Eltern haben mir beigebracht, Dinge zu hinterfragen und kritisch zu sein. Wenn jemand mich abgespeist hätte mit Plattheiten und Denkverboten, wäre ich kein Christ geworden. Bis heute bin ich dankbar für Menschen in meiner Gemeinde, die mich und meine Fragen ernst genommen haben und die mir das Gefühl gegeben haben: Du bist mit allen Fragen herzlich willkommen!

Nach Antworten suchen

Für mich ist das nur logisch: Das höchste Gebot, das Jesus uns gibt, lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele […] und mit deinem ganzen Verstand.“ (Lk 10,27). Um Gott zu lieben, brauchen wir unseren Verstand! Ja, Gottes Wirken geht über meinen Verstand hinaus, aber er bleibt nicht darunter. Gott liebt es, wenn wir denken, forschen und seine Gedanken nachdenken. Außerdem: Wenn Jesus die Wahrheit ist, hält er allen Anfragen stand. Dann brauchen wir keine Angst vor Zweifeln und kritischem Untersuchen haben. Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann ist jede Frage eine gute Frage.

Natürlich: Nicht auf jede Frage gibt es eine schnelle Antwort – manchmal gibt es überhaupt keine Antwort. Das ist nicht immer leicht auszuhalten. Darum braucht es Menschen, die bereit sind, mit zu fragen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Dazu gehört es, genau hinzuhören, um die Fragen zu verstehen. Wenn mich zum Beispiel jemand nach der Glaubwürdigkeit der Bibel fragt, kann es sein, er fragt nach Schöpfung und Evolution oder nach der Gewalt im Alten Testament oder nach der Überlieferungsgeschichte der Bibel. Alles sehr gute, berechtigte Fragen! Aber um eine treffende Antwort zu geben, muss ich herausfinden, in welche Richtung die Frage geht, sonst rede ich am Anderen vorbei.

Die Fragen hinter den Fragen

Und oft verbergen sich viel tiefere Fragen hinter den Fragen. Die wenigsten Anfragen an Gott sind rein intellektueller Natur. Häufig stecken negative Erfahrungen, Verletzungen oder Enttäuschung hinter kritischen Anfragen. Darum ist es so wichtig, den Fragenden hinter der Frage zu sehen und wertzuschätzen. Wie neulich ein Freund zu mir sagte: „Auch die scheinbar blödeste Frage bringt mich auf die Spur herauszufinden, was den Menschen bewegt.“ Darum will ich jede Frage achten.

Gerade bei Jugendlichen führen ihre Fragen häufig zu tiefen Bedürfnissen: Wo werde ich gehört und wo kann ich dazu gehören? Wer braucht mich? Wer ist echt, authentisch? Und was bringt mir das alles? Sie werden den Glauben an Jesus nicht als Antwort für ihr Leben wahrnehmen, wenn wir nicht auch auf die Fragen hinter den Fragen eingehen.

Jesus ist ein Meister im Fragenstellen

Ich habe mir darum angewöhnt, selbst viel zu fragen. Das habe ich mir von Jesus abgeschaut: Der ist ein Meister im Fragenstellen. Im Neuen Testament sind es über zweihundert. Jesus stellt Rückfragen und Alltagsfragen, die tiefer führen. Er hinterfragt Motive, bringt Menschen durch Fragen ins Nachdenken, antwortet auf Fangfragen mit Gegenfragen und lässt sich nicht in die Defensive drängen. Und manchmal gibt er Menschen seine Fragen als Geschenk mit, die sie noch lange begleiten.

Wenn zum Beispiel jemand zu mir sagt: „Ich glaube nicht an Gott!“, dann frage ich manchmal: „Wie sieht denn der Gott aus, an den Du nicht glaubst?“ Oft kommen dabei sehr dunkle Vorstellungen von Gott zum Vorschein, von denen ich auch hoffe, dass ein solcher Gott nicht existiert. Das eröffnet neue Gespräche. Oder ich stelle Jugendlichen Fragen wie: Was erhoffst Du Dir vom Leben? Wonach sehnst Du Dich? Was ist Dein größter Traum? Solche Fragen führen in die Tiefe und ich lerne die Person besser kennen.

Natürlich bin ich damit nicht immer gleich bei Kreuz und Auferstehung. Aber das ist okay – bei vielen muss der Weg zu Gott erst von intellektuellen und emotionalen Wegversperrern freigeräumt werden. Dabei ist jedes Nachdenken, jede Frage und jeder Antwortversuch ein Schritt näher zu Gott. Ich vertraue Gott, dass er das alles gebraucht, um seinen Weg mit diesem Jugendlichen zu gehen. Weil ich weiß, dass Gott sich aus tiefstem Herzen nach Beziehung mit ihr oder ihm sehnt.

Wie kommen Jugendliche zum Glauben?

Gottes Art, zur Beziehung mit ihm einzuladen, ist durch Beziehungen zu Menschen. Er gebraucht Menschen, die die Jugendlichen lieben und sie darum ernstnehmen – ihre Freuden, Bedürfnisse und ihre Fragen. Menschen, die ehrlich sind, wenn sie selbst keine Antworten haben, die nicht immer alles wissen müssen, aber die sich gemeinsam mit ihnen auf den Weg machen. Das ist eine Reise, die manchmal Kraft kostet. Aber ich kann mir nichts Spannenderes vorstellen, als einen Menschen auf dem Weg zu Gott zu begleiten!

Der Artikel ist ursprünglich erschienen in der Zeitschrift des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Württemberg „Gemeinschaft“ (3/18)