Ravi Zacharias: Ein Nachruf

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Matthew Fearon, Content Manager für RZIM UK, vormals Journalist der Sunday Times (London)
Aus dem Englischen übertragen von Raphaela Wiltsche

 

Als Ravi Zacharias als cricketspielender Junge in den Straßen Indiens unterwegs war, rief ihn eines Tages seine Mutter zu sich: Der Sariverkäufer, dessen neues Gewerbe das Handlesen war, sollte ihm sein Schicksal voraussagen. „Wenn ich in deine Zukunft blicke, Ravi Baba, sehe ich, dass du in deinem Leben nicht sehr weit reisen wirst“, verkündete er. „Das sagen mir deine Handlinien. Es gibt keine Zukunft im Ausland für dich.“

1983 wurde der 37-jährige Zacharias von Billy Graham nach Amsterdam auf die erste internationale Konferenz für Evangelisten im Reisedienst eingeladen, um dort zu predigen. Er war auf dem Weg, einer der führenden Verteidiger der intellektuellen Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens zu werden. Ein Jahr später gründete er Ravi Zacharias International Ministries (RZIM) mit der Mission, „dem Denker beim Glauben und dem Glaubenden beim Denken zu helfen.“

In den Jahren zwischen der Vorhersage des Sariverkäufers und der Gründung von RZIM war Zacharias nach Kanada emigriert und quer durch Nordamerika gereist, um das Evangelium zu verkünden, hatte mit Insassen von Militärgefängnissen in Vietnam gebetet und Gottesdienste für kambodschanischen Studierende gehalten, deren Land kurz vor dem Zusammenbruch stand. Außerdem hatte er kurz nach seiner Ordinierung zusammen mit seiner Frau Margie und seiner ältesten Tochter Sarah eine weltumspannende Predigtreise mit der Christian and Mission Alliance unternommen. Von England aus führte ihr Weg sie ostwärts durch Europa und den Nahen Osten und schließlich bis zum Pazifischen Becken. In jenem Jahr predigte Zacharias an die 600 Mal in mehr als einem Dutzend Ländern.

Dies war das Endresultat einer bemerkenswerten Wandlung im Leben von Zacharias, die ihren Anfang in einem Krankenhaus in Delhi genommen hatte, wo sich der 17-jährige Zacharias nach einem Selbstmordversuch befand. Damals las ihm jemand aus dem Johannesevangelium die Worte Jesu vor: „Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.“ Zacharias vertraute daraufhin sein Leben Jesus an und betete, dass er sich, wenn er genesen und das Krankenhaus verlassen werde, ganz dem Streben nach Wahrheit widmen werde. Seit Zacharias die Wahrheit des Evangeliums gefunden hatte, brannte in ihm bis zum Schluss der leidenschaftliche Wunsch, sie anderen weiterzugeben. Noch als er nach der Chemotherapie aus dem Krankenhaus in Texas entlassen wurde und nach Hause fuhr, erzählte er den drei Krankenpflegern, die ihm in den Wagen halfen, von der Hoffnung in Jesus Christus.

Frederick Antony Ravi Kumar Zacharias wurde 1946 in Madras, dem heutigen Chennai geboren, wo man auch die letzte Ruhestätte des Apostels Thomas vermutet. Jenen kennt die Welt als „den Ungläubigen“ oder „den Zweifler“, Zacharias jedoch sah in ihm „den großen Fragensteller“. Seine Affinität zu Thomas zeigt, dass Zacharias sich stets mehr für den Fragenden als für die Frage an sich interessierte. Seine Mutter Isabella war Lehrerin. Sein Vater Oscar studierte zum Zeitpunkt seiner Geburt Arbeitsrecht an der Universität Nottingham in England und arbeitete sich während Zacharias’ Jugendjahren im öffentlichen Dienst in Indien nach oben.

Als Durchschnittsschüler hatte Zacharias mehr Interesse an Cricket als an Büchern – bis zu dem Moment, als er im Krankenzimmer das Evangelium für sich entdeckte. Trotz allem lag ein mutiger, radikaler Glaube in seinen Genen. Im indischen Bundesstaat Kerala hatte sein Urgroßvater väterlicherseits das erste Wörterbuch für Malayalam und Englisch herausgegeben. Dieses Wörterbuch war der Grundstein für den Übersetzungsprozess der ersten Bibel auf Malayalam. Noch früher hatte Zacharias’ Urururgroßmutter ihre Familie in einen Schock versetzt: Die Familie gehörte der Nambudiri-Kaste an, der höchsten hinduistischen Priesterkaste. Sie aber war zum Christentum konvertiert. Mit der Bekehrung änderte sich auch ihr Nachname und für ihre Nachfahren tat sich ein neuer Pfad zum christlichen Glauben auf.

Zacharias sah Gottes Wirken in seinem Familiengeflecht. Auch bei RZIM ist der generationen- und kulturübergreifende Herzschlag für das Evangelium, den Zacharias in sich trug, zu spüren. Er rief einen Dienst ins Leben, der weit über seine Person hinausging, eine Organisation, deren Ruf es ist, die Wahrheit von Jesus kontext- und kulturrelevant mit hoher Sensibilität für das aktuelle Zeitgeschehen zu verkündigen. Zacharias war der Ansicht, dass die Predigt, der dies gelingt, immer gefragt sei.
Auch 36 Jahre nach der Gründung trägt die Organisation noch den Namen, der seinerzeit für Zacharias’ Vorfahrin bei ihrer Konversion ausgewählt worden war.

Wo allerdings früher nur ein einzelner Referent stand, hat RZIM heute ein Team von fast einhundert begabten Evangelistinnen und Evangelisten. Beinahe jeden Abend verkündigt jemand aus dem Team bei einer Veranstaltung irgendwo auf dem Globus das Evangelium. Während die Organisation anfänglich von Zacharias’ Wohnzimmer aus geleitet wurde, ist RZIM heute in 17 Ländern auf fünf Kontinenten präsent.

Die Leidenschaft und den Drang, allen Nationen das Evangelium zu bringen, entwickelte Zacharias in Vietnam während des Sommers 1971. Er war 1966 nach Kanada emigriert, ein Jahr nachdem er bei einem Kongress von Youth for Christ (Jugend für Christus) in Hyderabad für seinen Predigtdienst mit einem Preis ausgezeichnet worden war. Und dort, in Toronto, hörte eine altgediente Vietnam-Missionarin namens Ruth Jeffrey ihn predigen und lud ihn in ihre Wahlheimat ein. In jenem Sommer fand sich der erst 25-jährige Zacharias in einem Kampfhubschrauber wieder, in dem er quer durchs Land geflogen wurde, um an Militärstützpunkten und in Krankenhäusern zu predigen, sowie in Gefängnissen zu Mitgliedern des Vietcongs. Jede Nacht hörten Zacharias und sein Dolmetscher Hien Pham beim Einschlafen den Lärm von Gewehrschüssen.

Als Zacharias und sein Dolmetscher eines Tages auf einer abgelegenen Straße unterwegs waren, hatte ihr Wagen eine Panne. Der einsame Jeep, der an ihnen vorbeikam, ignorierte die am Straßenrand Winkenden. Als es ihnen endlich gelungen war, den Motor wieder anzuwerfen und weiterzufahren, erkannten sie nach einigen Meilen denselben Jeep wieder, kopfüber daliegend und von Gewehrschüssen durchlöchert. Alle vier Insassen waren tot. Später sagte Zacharias über diesen Moment: „Gott wird uns aufhalten, wenn unsere Zeit noch nicht gekommen ist, und er wird uns leiten, wenn sie gekommen ist.“ Einige Tage später standen Zacharias und sein Dolmetscher am Grab von sechs Missionaren, die, obwohl unbewaffnet, getötet worden waren, als der Vietcong ihr Gelände gestürmt hatte. Zacharias kannte einige ihrer Kinder. Dieses Gottvertrauen und der Wunsch, jenen zur Seite zu stehen, die Gott in gefährlichen Weltgegenden dienen, prägt bis heute die Arbeit von RZIM. Das Anliegen, Menschen zu unterstützen, die das Evangelium an gefährlichen Orten verkündigen – wie etwa Nigeria, Pakistan, Townships in Südafrika, dem Nahen Osten und Nordafrika – kann auf jenes einschneidende Erlebnis am Grabesrand zurückgeführt werden.

Nach dieser prägenden Reise zogen Zacharias und seine Frau Margie kurz nach ihrer Heirat nach Deerfield im Bundesstaat Illinois, wo Zacharias sich an der Trinity Evangelical Divinity School für das Studium des Master of Divinity einschrieb. Dort lebte das junge Paar nur zwei Hausnummern von Zacharias’ Studienkollegen und Freund William Lane Craig entfernt. Nach seinem Studienabschluss lehrte Zacharias am Alliance Theological Seminary in New York und reiste an den Wochenenden weiterhin quer durchs Land, um zu predigen. Diese drei Jahre, in denen er vollzeitlich in der Lehre tätig war und dazu noch ausgedehnte Predigtreisen unternahm, beschreibt Zacharias als die schwierigsten in seiner 48 Jahre dauernden Ehe mit Margie.

Genau zu diesem Zeitpunkt, 1983, lud Billy Graham Zacharias ein, auf seiner ersten internationalen Konferenz für Evangelisten im Reisedienst in Amsterdam zu sprechen. Über die Einladung war Zacharias sehr erstaunt, ahnte er doch nicht mal, dass Graham überhaupt von ihm wusste. Seine Predigt vor 3.800 Verkündigern aus 133 Ländern eröffnete Zacharias mit den Worten: „Meine Botschaft ist eine sehr schwierige…“. Er führte weiter aus, wie durch Religionen und die Kulturen und Philosophien des 20. Jahrhunderts „tiefe Gräben zwischen der Botschaft Christi und den menschlichen Gedankenwelten“ entstanden seien.

Noch provozierender war seine zweite Predigt, für die er allerdings vom Publikum mit Applaus unterbrochen wurde. Er sprach von seiner Befürchtung, dass „wir in gewissen Sparten der evangelikalen Bewegung manchmal meinen, es sei notwendig, jemanden mit einer anderen Weltanschauung zu erniedrigen. Wir denken: Wenn wir nicht alles niedermachen, was für einen Menschen wertvoll ist, können wir ihm nicht das Evangelium von Jesus Christus predigen…Was ich damit sagen will: Wenn ihr versucht, jemanden für Christus zu gewinnen, geht bitte achtsam mit dem um, was für die Person wertvoll ist.“

Dieser Vortrag veränderte Zacharias’ Zukunft und möglicherweise sogar die Zukunft der Apologetik, also die theologische Disziplin, die sich mit den schwierigen Fragen nach Ursprung, Sinn, Moral und Bestimmung beschäftigt, auf die jede Weltanschauung eine Antwort geben muss. Ein Kollege von Zacharias beschrieb seinen Ansatz so: „Er sah Einwände und Fragen anderer nicht als etwas, das es abzuweisen galt, sondern als einen Schrei des Herzens, der nach einer Antwort verlangte. Menschen sind nicht logische Probleme, die darauf warten, gelöst zu werden, sondern eben Menschen, die die Person Jesu Christi brauchen.“

Zacharias wurde deutlich, dass es zu dem Zeitpunkt kaum jemanden gab, der versuchte, die Denkenden und die Fragenden mit dem Evangelium zu erreichen. Auf dem Flug zurück in die USA besprach Zacharias seine Überlegungen mit seiner Frau Margie.
Dieses Gespräch wurde der Same für ein christliches Werk, das auf denkende Menschen zugeht und sie dort abholt, wo sie stehen, und das Männer und Frauen darin schult, auf angemessene Weise auf kritische Fragen zu antworten und das Evangelium weiterzugeben, um die Meinungsmacher der Gesellschaft zu erreichen. Dieser Same wurde in den ersten Jahren besonders durch den Geschäftsmann DD Davis begossen und umhegt, einem Mann, der für Zacharias zu einer Vaterfigur wurde. Mit der Gründung des Werkes zog die Familie Zacharias nach Atlanta. Inzwischen war die Familie gewachsen – das Ehepaar hatte eine zweite Tochter, Naomi, und einen Sohn, Nathan, bekommen. Atlanta war dann auch die Stadt, die Zacharias für die letzten 36 Jahre seines Lebens seine Heimat nennen sollte.

Dem Denkenden persönlich zu begegnen war ein wesentliches Anliegen von Zacharias’ Dienst, bei dem offene Fragerunden im Anschluss an Vorträge oft bis in die Nacht hinein dauerten. Immer bestrebt, das Evangelium möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, nutzte Zacharias seit den Achtzigerjahren auch den Rundfunk. In Zacharias’ Radiosendung Let My People Think hörten viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben die Botschaft von Jesus – nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. In seinem wöchentlichen halbstündigen Programm griff Zacharias Fragen wie die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft und der Bibel, die Schwachstellen moderner Geistesströmungen und die Einzigartigkeit von Jesus Christus auf. Heute wird Let My People Think auf über 2.000 Radiosendern in 32 Ländern ausgestrahlt und wurde außerdem im letzten Jahr 15,6 Millionen Mal als Podcast heruntergeladen.

Mit dem Umfang des Dienstes wuchsen auch die Anforderungen an Zacharias. 1990 folgte er den Fußstapfen seines Vaters nach England. Er nahm ein Sabbatical an der Ridley Hall in Cambridge. Es war eine Zeit, in der er viel mit seiner Familie zusammen war und das erste seiner 28 Bücher schrieb: A Shattered Visage: The Real Face of Atheism. Es war kein Zufall, dass er im Laufe seines reiseintensiven Lebens beim Schreiben dann am produktivsten war, wenn er seine Familie um sich hatte, allen voran Margie. Margie inspirierte jedes einzelne von Zacharias’ Büchern. Mit ihrem Adlerauge und ihrem scharfen Verstand las sie den ersten Entwurf jedes Manuskripts, von The Logic of God, das dieses Jahr von der Christian Publishers Association (ECPA) mit dem Christian Book Award in der Kategorie Bibelstudium ausgezeichnet wurde, bis zu seinem letzten Buch, Seeing Jesus from the East, das er zusammen mit seinem Kollegen Abdu Murray schrieb. Zu seinen weiteren Büchern zählen Can Man Live Without God? (Auf Deutsch erschienen unter dem Titel Kann man ohne Gott leben?), für das er den ECPA Gold Medallion Book Award erhielt, und Jesus Among Other Gods (Auf Deutsch erschienen unter dem Titel Jesus – der einzig wahre Gott?) sowie The Grand Weaver, zwei Bestseller der christlichen Literatur. Zacharias’ Bücher wurden millionenfach verkauft und in über ein Dutzend Sprachen übersetzt.

Zacharias hegte lange den Wunsch, Menschen in einer apologetisch durchdachten Art der Verkündigung zu schulen, die kulturprägende Menschen erreicht. Dies geschah viele Jahre lang in informellem Rahmen und wurde schließlich 2004 formalisiert. Das OCCA, das Oxford Christian Centre for Apologetics, wurde gegründet in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Alister McGrath und Wycliffe Hall, einer Permanent Private Hall der Universität Oxford, wo Zacharias zwischen 2007 und 2015 als Honorary Senior Research Fellow tätig war. Im Laufe seines Lebens erhielt Zacharias zehn Ehrendoktortitel als Anerkennung seines öffentlichen Engagements für die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. Er ist unter anderem Ehrendoktor der Universität San Marcos, der ältesten bestehenden Universität auf dem amerikanischen Kontinent.

Inzwischen hat das OCCA mehr als 400 Studierende aus 50 Ländern ausgebildet, die heute rund um den Globus das Evangelium in verschiedenen Settings bezeugen. Manche von ihnen tun das in einem explizit christlichen Kontext, etwa als Evangelistinnen und Apologeten. Viele andere engagieren sich in all jenen gesellschaftlich relevanten Bereichen, die Zacharias stets besonders am Herzen lagen: Kunst und Kultur, universitäre Forschung und Lehre, Wirtschaft, Medien und Politik. 2017 wurde am Hauptsitz von RZIM in Atlanta ein weiteres Schulungszentrum für Apologetik gegründet: das Zacharias Institute. Dieses bietet allen Interessierten die Möglichkeit zu lernen, das Evangelium auf gewinnende Weise zu bezeugen und auf Einwände gegen den christlichen Glauben einfühlsam und respektvoll zu antworten. Dasselbe Anliegen führte 2014 auch zur Entwicklung der Zacharias Akademie (auf Englisch: RZIM Academy). Die Kurse dieses Online-Schulungsprogramms für Apologetik wurden in 140 Ländern und in einer Vielzahl von Sprachen bereits tausendfach genutzt.

Im Gründungsjahr des OCCA begann auch die Arbeit von Wellspring International, dem humanitären Zweig von RZIM. Inspiration für Wellspring International war die Erinnerung an das sozial-karitative Engagement von Zacharias’ Mutter; geführt wird das diakonische Werk von seiner Tochter Naomi. Geleitet von dem Gedanken, dass Liebe die stärkste Apologetik ist, arbeitet Wellspring International mit Partnern vor Ort zusammen, die sich weltweit um die Erfüllung von Grundbedürfnissen gefährdeter Frauen und Kinder kümmern.

Ebenfalls 2014 hielt Zacharias eine Rede beim Internationalen Gebetsfrühstück der Vereinten Nationen – es war die zweite von vier, die er im 21. Jahrhundert in diesem Rahmen hielt und machte seinen wachsenden Einfluss unter internationalen Führungskräften deutlich. Er hatte sich dort erstmals einen Namen gemacht, als sich der Kalte Krieg dem Ende näherte. Seine völkerverbindende Perspektive und die Ruhe, die er stets im Umgang mit seinem Gegenüber ausstrahlte – ob es sich dabei um einen sowjetischen Militärführer oder einen scharfsinnigen, jungen Studenten handelte – öffneten Türen, die jahrelang verschlossen gewesen waren. Ein solcher Militärführer war General Juri Kirschin, der Zacharias 1992 den Weg ebnete, um an der ehem. militärpolitischen Lenin-Akademie in Moskau zu sprechen. Zacharias sprach dort über den Preis des erzwungenen Atheismus in der Sowjetunion: der Bruch mit allem Transzendenten hatte zu einer gefährlichen Illusion von Macht geführt und die selbstzerstörerischen Kräfte des Menschen zutage gebracht.

Ein Jahr später reiste Zacharias nach Kolumbien, wo er vor Vertretern der Justiz sprach. Er thematisierte die Notwendigkeit eines moralischen Grundgerüsts und zeigte auf, in wie fern die jahrelange Gewalt in diesem Land Folge der inkohärenten Weltanschauung war. Zacharias’ Präsenz auf dem internationalen Parkett erstreckte sich über Kontinente und Jahrzehnte. 2020 wurde er im Rahmen seiner letzten Auslandsreise von Manny Pacquiao, dem Boxweltmeister in acht Gewichtsklassen und philippinischen Senator, nach Manila eingeladen, um dort auf dem National Bible Day Prayer Breakfast zu sprechen. Diese Einladung ergab sich infolge von Zacharias’ Rede im Nationaltheater in Abu Dhabi, die er im Rahmen des Jahres der Toleranz in den Vereinigten Arabischen Emiraten hielt.

1992 fand Zacharias’ apologetischer Ansatz neben der politischen Bühne auch Einzug in die Universitätslandschaft. Der Startschuss dafür war das erste Veritas Forum, das auf dem Campus der Universität Harvard stattfand. Zacharias wurde als Hauptredner eingeladen. Die Vorträge, die er an jenem Wochenende hielt, bildeten später die Basis für seinen Bestseller Can Man Live Without God? und eröffneten ihm neue Möglichkeiten, an Universitäten auf der ganzen Welt zu sprechen. Die vielen Einladungen, die darauf folgten, boten Zacharias Einblicke in die tiefe Sehnsucht junger Menschen nach Sinn und Identität. 28 Jahre nach dem ersten Veritas Forum sprach er im Watsco Center der University of Miami vor über 7.000 Menschen über das Thema „Existiert Gott?“ Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt sein.

Die Frage nach der Existenz Gottes stellt man sich auch hinter den Mauern des Lousiana State Penitentiary, auch bekannt als Angola Prison, des größten Hochsicherheitsgefängnisses in den USA. Zacharias hatte mit Kriegsgefangenen in Vietnam gebetet. Durch den Todestrakt dieses Gefängnisses zu gehen hinterließ jedoch einen noch prägenderen Eindruck. Zacharias glaubte daran, dass die Gnade und Kraft des Evangeliums gerade an den dunkelsten Orten besonders hell leuchtet. Wenn man mit Menschen im Todestrakt betet, so sagte er, „kann man die Tränen nicht zurückhalten.“ Bei seinem dritten Besuch im Angola-Gefängnis bauten Gefangene dieser Haftanstalt den Sarg, in dem Zacharias begraben werden soll. So tief war seine Verbindung zu den Menschen dort. In Seeing Jesus from the East schreibt er: „Diese Gefangenen wissen, dass diese Welt nicht ihr Zuhause ist und dass nicht ein Sarg ihre Endstation sein wird. Jesus hat uns diese Gewissheit gegeben.“

Im November letzten Jahres, einige Monate nach seinem letzten Besuch im Angola-Gefängnis, trat Zacharias als Präsident von RZIM zurück, um sich auf seine weltweite Vortragstätigkeit und seine Buchprojekte zu konzentrieren. Er übergab die Leitung der Organisation seiner Tochter Sarah Davis als Global CEO und seinem langjährigen Kollegen Michael Ramsden als Präsident von RZIM. Davis hatte als Global Executive Director schon seit 2011 eine leitende Funktion bei RZIM, Ramsden wiederum hatte bereits 1997 in Oxford den europäischen Arbeitszweig der Organisation ins Leben gerufen.

Mit Michael Ramsden hatte Zacharias einmal an dem vermuteten Grab von Lazarus auf Zypern gestanden. Die simple Grabinschrift lautet: „Lazarus, vier Tage tot, Freund von Jesus“. Zacharias drehte sich zu Ramsden und sagte: „Wenn ich als Freund von Jesus in Erinnerung bleibe, dann ist das alles, was ich mir wünsche.“